
„Braucht mein Kind wirklich eine Therapie?“ – Diese Frage höre ich in meiner Privatpraxis oft von Eltern, die sich Sorgen machen, ob mit ihrem Kind „etwas nicht stimmt“. Dabei geht es in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie selten um „Kranksein“, sondern vielmehr darum, Kinder und Jugendliche in herausfordernden Situationen zu unterstützen. In diesem Beitrag räume ich mit den häufigsten Mythen auf und zeige, warum ein offenes Gespräch der erste Schritt zu mehr Leichtigkeit sein kann.
Mythos 1: „Nur kranke Kinder gehen in Therapie.“
Ein sehr verbreiteter Irrglaube ist, dass nur „psychisch kranke“ Kinder eine Therapie benötigen. Tatsächlich erleben viele Kinder im Laufe ihres Lebens Herausforderungen, die sie (und ihre Eltern) vorübergehend überfordern können: Schulprobleme, die Trennung der Eltern, soziale Unsicherheiten, Ängste oder Verhaltensauffälligkeiten sind keine Seltenheit. Die Forschung zeigt, dass Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter nachweislich positive Effekte auf die soziale, emotionale und verhaltensbezogene Entwicklung hat. Döpfner und Lehmkuhl (2002) fassen es treffend zusammen, wenn sie feststellen, dass psychodynamische Verfahren „nachhaltig Ressourcen stärken und Selbstwirksamkeit fördern“ und dies mit Effektstärken im mittleren bis hohen Bereich. Es geht also weniger darum, ob ein Kind „krank“ ist, sondern vielmehr darum, sein emotionales Wohlbefinden zu unterstützen und bei der Bewältigung aktueller Schwierigkeiten zu helfen.
Mythos 2: „Ein Gespräch mit Freunden oder in der Familie reicht doch aus.“
Ein liebevolles Umfeld und offene Gespräche sind wichtige Stützen für Kinder und Jugendliche. Dennoch bietet die therapeutische Arbeit darüber hinaus einen besonderen geschützten Raum, in dem Kinder ihre Gefühle und Erfahrungen ausdrücken können – oft Dinge, die im familiären Umfeld schwer ansprechbar sind. Fonagy und Target (2007) betonen, dass genau diese therapeutische Beziehung „ein vertieftes Erleben“ schafft, das eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Veränderungen ist. Professionelle Psychotherapie ergänzt somit die innerfamiliären Gespräche um das Verstehen und Bearbeiten tieferliegender Ursachen.
Mythos 3: „Therapie dauert ewig und bringt sowieso nichts.“
Dieses Bild von endlosen, ineffektiven Therapien entspricht nicht der Realität. Sowohl meine Praxiserfahrung als auch die Forschung zeigen, dass Therapien individuell gestaltet werden und häufig schon nach wenigen Sitzungen erste positive Entwicklungen sichtbar werden. Besonders Kurzzeittherapien haben sich hier als wirksam erwiesen. Weisz et al. (2011) unterstreichen, dass Therapie keineswegs ein „endloser Prozess“ sein muss, sondern gezielt auf die Bedürfnisse des Kindes und seiner Familie abgestimmt wird. Dadurch kann oft recht schnell eine Verbesserung des Wohlbefindens erreicht werden – was viele Familien als sehr erleichternd erleben.
Mythos 4: „Über Probleme zu sprechen macht alles schlimmer.“
Ganz im Gegenteil: Das Vermeiden oder Verschweigen belastender Themen kann diese häufig sogar verstärken. Ein behutsamer, professioneller Umgang mit schwierigen Gefühlen und Erfahrungen in der therapeutischen Beziehung ermöglicht Kindern und Jugendlichen, belastende Themen zu ordnen und besser zu verstehen. Dies führt oft bereits zu großer Erleichterung und ist häufig der erste Schritt hin zu einer positiven Veränderung.
Ein offenes Gespräch – der erste Schritt
Elternschaft ist herausfordernd, und es gehört viel Mut dazu, sich Unterstützung zu holen. Ein unverbindliches Erstgespräch in meiner Praxis kann klären, ob und wie eine Therapie helfen kann – oft genügt bereits dieses Gespräch, um den nächsten Schritt zu erkennen. Mir ist es wichtig, Sie und Ihr Kind respektvoll und wertschätzend zu begleiten – ohne Vorurteile oder Schubladendenken.
Wenn Sie unsicher sind, ob Psychotherapie für Ihr Kind der richtige Weg ist, nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf. Ich berate Sie und unterstütze Sie dabei, die beste Entscheidung für Ihre Familie zu treffen.
Herzlichst,
E. Salmaier
Quellenverzeichnis
- Döpfner, M., & Lehmkuhl, G. (2002). Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Grundlagen, Verfahren und Evidenz. Hogrefe.
- Fonagy, P., & Target, M. (2007). Attachment and psychoanalytic clinical practice. Routledge.
- Weisz, J. R., Jensen-Doss, A., & Hawley, K. M. (2011). Evidence-based psychotherapies for children and adolescents. The Guilford Press.

